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1938 Duke of Windsor in Enzesfeld (Austria) guest of the Rothschild (I), published: Die Presse, Vienna, Austria, today
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Count Gudenus
2017-02-17 12:48:58 UTC
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Fünfzehn Wochen Enzesfeld

Der ganze Ort war ein Ameisenhaufen: Adabeis, Reporter, Spione. Journalisten kletterten auf Bäume, schlichen sich als Lieferanten ins Schloss, um die trivialsten News zu erfahren. Enzesfeld vor 80 Jahren: was den englischen König Edward VIII. kurz nach der Abdankung ins Niederösterreichische verschlug.

Von Roman Sandgruber
10.02.2017 um 18:19

Die Jahreswende 1936/37 sah eine entscheidende Weichenstellung in der Geschichte des englischen Königshauses, aber auch in den deutsch-englischen Beziehungen und in der europäischen Mächtekonstellation. Der englische König Edward VIII., der erst am 20. Jänner 1936 sein Amt angetreten hatte, musste nicht einmal ein Jahr später, am 11. Dezember 1936, wegen seiner geplanten Heirat mit der nicht gerade gut beleumundeten Wallis Simpson auf den Thron verzichten. Es war eine Geschichte von großer Liebe, High Life und politischer Intrige. Es war aber auch ein Kampf der prodeutschen und antideutschen und der faschistischen und antifaschistischen Kräfte in England. Und die kleine niederösterreichische 1000-Seelen-Gemeinde Enzesfeld, wohin der König unmittelbar nach der Ausfertigung der Verzichtsurkunde reiste, um auf das Scheidungsurteil seiner Geliebten zu warten, stand vier Monate lang im Mittelpunkt des Weltinteresses. Ian Kershaw, der wohl anerkannteste englische Kenner des Nationalsozialismus und herausragende Hitler-Biograf, sieht in der Abdankung Edwards VIII. eine der großen diplomatischen Niederlagen Hitlers. Die Frage ist: Wäre Englands Eintritt in den Weltkrieg bei einem König Edward unterblieben, oder wäre, wie Hitler bei Edwards Besuch auf dem Obersalzberg meinte, Wallis Simpson die bessere Königin gewesen?

Hinter dem Rücktritt standen handfeste Interessen, ein Kampf um Einfluss innerhalbder königlichen Familie und auch ein Richtungsstreit um Annäherung oder Abgrenzung von Hitler-Deutschland. Ein König Edward stand für eine explizit Deutschland freundliche, ja sogar nazifreundliche Politik. Edwardtat nach der Abdankung alles, um diesen Eindruck zu verstärken. Die Affäre um deutsche Munitionstransporte über Österreich nach Italien, von denen der englische Botschafter bei einem gemeinsamen Essen mit dem Herzog im Wiener Hotel Bristol von der Schuschnigg-Regierung informiert worden war und die der Herzog fahrlässig oder ganz bewusst an den italienischen Botschafter weiterleitete, oder der Besuch des Herzogpaars bei Hitler auf dem Obersalzberg und bei Mussolini waren als provokante Demonstrationen aufzufassen.

Wann die Beziehung des damaligen Prinzen of Wales zu der bereits einmal geschiedenen und mit dem Geschäftsmann Ernest Simpson verheirateten Wallis begonnen hat, wird unterschiedlich datiert. Edwardschreibt in seiner Autobiografie, bei einer Fuchsjagd in Leicestershire Anfang 1931 habe er Wallis erstmals getroffen. 1935 jedenfalls traten sie ganz offen als Paar auf, bei einem Skiurlaub am Semmering und auf einer gemeinsamen Wien-Reise im Sommer. Die gemeinsame Mittelmeerkreuzfahrt im Sommer 1936, nunmehr bereits als König, bei der verschiedene Balkanländer und die Türkei besucht wurden, füllte die Klatschspalten der amerikanischen Zeitungen. ZumSkandal wurde die Beziehung allerdings erst, als der König ankündigte, die noch immer verheiratete und zudem bürgerliche Frau heiraten zu wollen.

Die Gegner Edwards und vor allem seiner beabsichtigten Gattin formierten sich: voran der Erzbischof von Canterbury Cosmo Gordon Lang und die anglikanische Kirche, aber auch Edwards eigene Familie und Teile der konservativen Regierung unter Premierminister Stanley Baldwin. Edwards jüngerer, sprachlich gehemmter Bruder wurde gedrängt, als George VI. an Edwards Stelle zu treten. Der König hielt dem konzertierten Druck nicht stand. Er tauschte Thron gegen Liebe. Am11. Dezember 1936 unterfertigte er die Verzichtsurkunde. Unmittelbar danach bestieg er ein Kriegsschiff, das ihn nachFrankreich brachte. Wallis Simpson war zu diesem Zeitpunkt in Südfrankreich. Aber der König musste angesichts des anachronistischenenglischen Scheidungsverfahrens, solange Wallis' Scheidung nicht rechtskräftig war, jeden Anschein räumlicher Nähe und eines möglichen Ehebruchs vermeiden. Wohin also gehen? Edward hatte keinerlei Vorbereitung für ein Leben nach der Abdankung getroffen. Das Schloss Enzesfeld von Baron und Baronin Eugen und Kitty Rothschild wurde in aller Eile gewählt. Sicher nicht wegen des Golfplatzes, wie manche Biografen schreiben, die offenbar wenig Ahnung vom winterlichen Klima in Enzesfeld haben. Doch man konnte spazieren, jagen, Ski fahren. Und Wien war nicht weit. Das Schloss und die Rothschilds waren dem König bekannt. Die Freimaurerei war ebenfalls verbindend. Und Wallis Simpson hatte seit Langem eine Einladung von Kitty Rothschild auf ihr Schloss.

Wann Wallis mit Kitty in Kontakt gekommen war, ist nicht genau bekannt. Jedenfalls konkurrierten sie in der Zwischenkriegszeit im Ranking der zehn bestgekleideten Frauen der Welt. Und beide waren in Pennsylvania geboren. Die zweimal geschiedene Kitty hatte 1925 Baron Eugen Rothschild geheiratet, den jüngsten Bruder des österreichischen Rothschild-Chefs Louis Rothschild. Eugen wird meist als gescheiterter Kunsthistoriker abgetan, wird wegen der von ihm bevorzugten französischen Schreibweise seines Vornamens für einen Franzosen gehalten und von den Klatschspalten als Lebemann und Playboy eingestuft. Was war er wirklich? Er war für die Rothschilds die Kontaktperson für den zur Hälfte in ihrem Eigentum stehenden tschechischen Industriekonzern Witkowitz, das größte Stahlwerk Mitteleuropas und größte Unternehmenskonglomerat der damaligen Tschechoslowakei, das allerdings durch die Weltwirtschaftskrise schwer ins Schlingern geraten war.

Bekannt geworden ist Eugène aber vor allem durch seine beiden schönen und teuren Frauen. Seine erste Frau, Cathleen, bekannt als „Kitty“, liebte er abgöttisch, obwohl sie einen recht bewegten Lebenslauf hinter sich hatte: 1885 als Tochter des aus Bayern stammenden Arztes Lawrence Wolff in Philadelphia geboren, 1904 mit dem Zahntechniker Dandridge Spotswood verheiratet, geschieden im Jahr 1910, hatte sie in Paris den Attaché an der österreichisch-ungarischen Botschaft, den als liebenswürdig geschilderten Grafen Erwein Schönborn-Buchheim, kennengelernt. Er verließ die diplomatische Karriere, um eine der schönsten Frauen seiner Zeit zu heiraten. Obwohl geschieden, gewann Kitty rasch Zutritt zu der sehr reservierten Wiener Adelsgesellschaft. Nach14-jährigem Zusammensein trennte sich das Paar. Schönborn hatte in der Hyperinflation sein Vermögen ziemlich verausgabt und war nicht mehr in der Lage, für die eleganten Lebensbedürfnisse seiner Frau aufzukommen. Am 28. April 1925 heiratete Kitty den Baron Eugène de Rothschild. Sein Name war schon vorher häufig in Zusammenhang mit Miss Schönborn erschienen. Rothschilds Hobbys waren seine schöne Frau und seine kunsthistorischen Studien. Ihre Hobbys waren Golf, Bridge, Musik. Teuer wurde sie durch ihre Vorliebe für schöne Kleider und exquisiten Schmuck.

Eugen hatte nach der Hochzeit mit Kitty seinen Lebensmittelpunkt immer mehr von der Wiener Prinz-Eugen-Straße nach Paris verlagert. Sein Schloss in Enzesfeld blieb durch vornehme Séjours und Weekend-Partys bekannt. Für den abgesetzten König, nunmehr Herzog von Windsor, erschien es als ideales Refugium. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Boulogne reiste er in einem eigenen Sonderwagen nach Wien, begleitet von einem riesigen Tross englischer, amerikanischer, französischer und reichsdeutscher Journalisten. Von einem offiziellen Empfang durch Regierungsmitglieder wurde Abstand genommen, und so hatten sich am Westbahnhof nur der englische Gesandte Mr. Selby und Polizeipräsident Dr. Skubl eingefunden. Eine vielhundertköpfige Menge bereitete dem Herzog stürmische Ovationen. Vom Bahnhof ging es in zwei Autos nach Schloss Enzesfeld.

Mit seinen roten Dächern, gelben Mauern, wunderschönen Gärten und dem prachtvollen Golfplatz war das im 17. Jahrhundert erbaute Schloss eine Zierde Österreichs. Doch die Reporter filmten die Ochsenkarren und Kuhställe und vermittelten der Weltöffentlichkeit in tristem Schwarzweiß das Bild einer drastischen Rückständigkeit, in die der Exkönig da hineingeraten war. Der ganze Ort war ein Ameisenhaufen: Adabeis, Reporter, Spione. Von der deutschen Abwehr, und wohl auch der englischen und amerikanischen, wurden alle Telefongespräche abgehört. Die Journalisten kletterten auf Bäume, mieteten Fenster mit Aussicht, schlichen sich als Köche oder Lieferanten ins Schloss, um die trivialsten Newszu erfahren.

Es war ein kalter Winter. Der Herzog hatte nur leichte Kleidung bei sich, nicht länger als für eine Woche. Es wurden 15 Wochen in Enzesfeld, und für Edward wurden sie zu einem Alptraum. Nach außen schien der Exkönig wie von einer Last befreit, ganz abgesehen davon, dass es ihm in Enzesfeld materiell an rein gar nichts fehlte. Das Angenehmste war wohl der Wintersport. Immer wieder fuhr man zum Skifahren auf den Semmering. Als Skilehrer wurde der Olympiateilnehmer Walter Delle Karth engagiert, der damals die Skischule des mondänen Südbahnhotels am Semmering leitete. Das Gendarmeriepostenkommando der Expositur Mürzzuschlag verfasste eingehende Lageberichte: „Die Überwachung wurde laut telef. Auftrag der Dienstbehörde von 3 Beamten des hiesigen Postens in ziviler Wintersportausrüstung durchgeführt.“ Die Übungsfahrten fanden auf den Wiesen der Familie Handler vulgo Wagenbauer statt. Am Hof selbst besuchte der Herzog nach höflicher Anfrage auch das Plumpsklo neben dem Schweinestall, das von der Besitzerfamilie noch jahrzehntelang humorvoll als „herzogliche Toilette“ bezeichnet wurde.

Er ging spazieren und jagen, freute sich am Dudelsack- und Pokerspiel, traf sich in Wien mit Freunden und Diplomaten, besuchte Museen, das Schloss Schönbrunn, die Kirche. Die Zeitungen berichteten, wie enthusiastisch der König am Weihnachtstag die Epistel las, in Anbetracht dessen, wie ungern er sonst bei Gottesdiensten dabei gewesen war. Es war das einzige und wohl auch letzte Mal in seinem Leben, dass er Trost in der Bibel fand. Er telefonierte täglich mit Wallis in Cannes, manchmal bis zu zwei Stunden lang. Doch die Oberfläche täuschte. Was zunächst wie ein einigermaßen angenehmes Exil für den Exkönig ausgesehen hatte, entpuppte sich, wie er später meinte, als „unsagbar deprimierendes Erlebnis“. Nichts als warten, warten, warten. Er in Enzesfeld, das ihm wie eine kalte Hölle vorkam, seine Geliebte im warmen Cannes, das ihr wie das Fegefeuer erschien.

Mit seinem neuen Status konnte er sich schwer abfinden. Er war eben nicht mehr König. „Du kannst nicht abdanken und den Kuchen trotzdem essen“, meinte die viel praktischer denkende Wallis. Er lebte auf Kosten der Rothschilds. In der plötzlichen Erkenntnis, dass seine Ressourcen als Exkönig nicht mehr unbegrenzt waren, entwickelte er einen geradezu kleinlichen Geiz. Er gab dem Personal nie Trinkgelder. Ein amerikanischer Journalist brachte ihm eine Schachtel teurer Zigarren. Edward sagte: „Keine Verschwendung! Wir werden die Zigarren des Baron Rothschild rauchen. Die kosten nichts.“ Er vergaß, dass er jetzt überall hätte zahlen müssen. Kitty meinte nonchalant, dass sie eigentlich einer ärmeren Linie der Rothschilds angehöre. Und dann der schreckliche Fauxpas: Als Kitty abreiste, kam Edward nicht zur Verabschiedung und dankte ihr nicht. Sie war sehr betroffen. Edwards Sekretär fuhr ihr mit ein paarschriftlichen Zeilen zum Bahnhof nach. Aber Kitty blieb ein nobler Gastgeber und dementierte alle Gerüchte über unbezahlte Rechnungen oder Verstimmungen während seines Aufenthalts.
Count Gudenus
2017-02-17 13:11:10 UTC
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Le vendredi 17 février 2017 13:49:05 UTC+1, Count Gudenus a écrit :
Corrigrendum, not 1938,,but 1936/37
Count Gudenus
2017-02-17 13:23:51 UTC
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Post by Count Gudenus
Fünfzehn Wochen Enzesfeld
Second part:
Dem Erzbischof von Canterbury, seinem stärksten Gegenspieler, wurde aller Tratsch über Kitty zugetragen. Mit rot unterstrichenen Zeitungsausschnitten. Bei einem Juden und dessen Frau, die zweimal geschieden war und angeblich zweimal die Religion gewechselt habe. Es sei auch schwierig gewesen, den österreichischen Aristokraten zu erklären, warum der Herzog bei einem Juden zu Gast sei, notierte John Aird am 9. Februar in sein Tagebuch. Eugène hielt sich im Hintergrund. Eine angeblich zusammen mit ihm beabsichtigte Publikation über das Schicksal der deutschen Juden kann, wenn überhaupt, nicht weit gediehen sein, weil Eugène nur zum Empfang des Exkönigs in Enzesfeld war und bald danach abreiste.

Dazu kam bei Wallis Simpson in Cannes immer mehr Eifersucht auf. Am 18. Dezember 1936 hatte sie Kitty noch brieflich ersucht, nett zu Edward zu sein. Aber Wallis' Empfindungen wechselten bald, als sie einige recht missverständliche Zeitungsberichte aus Enzesfeld zu lesen bekam: In der Silvesternacht umarmte der Herzog die Baronin, küsste sie herzlich und ging erst dann zum Telefon, um Mrs. Simpson in Cannes anzurufen. Wallis gewann offensichtlich die Überzeugung, dass der Herzog „zu nett zu Kitty“ sei. Und gegenüber anderen deutete sie an, dass sie eine Menge mehr vermute als bloßes Flirten. Die internationale Presse vermutete das noch umso ungenierter.

Wir wissen aus den Briefen eines der ältesten Gefährten des Königs, des Majors Fruity Metcalfe, dass Kitty dem König zunehmend auf die Nerven ging. Er erwartete sehnlich, dass sie abreise. Auch Kitty ihrerseits wurde recht rasch der Situation überdrüssig, hielt den König für egoistischund wünschte, sie hätte nie zugelassen, ihn einzuladen. Am 2. Februar reiste sie endlich ab, und Edward hatte das Schloss für sich allein. Als der Schnee weggeschmolzen war, übersiedelte er an den Wolfgangsee, in die Villa Appesbach. Statt Ski zu fahren wurde nun gewandert.

Am 3. Mai 1937 wurde Wallis Simpsons Scheidung rechtskräftig. Edward fuhrsofort zu ihr. Am 3. Juni konnte man endlich heiraten. Nur 16 Gäste nahmen an der Feier im Schloss Candé eines als recht deutschfreundlich bekannten Amerikaners teil, unter ihnen das Ehepaar Rothschild. Die Flitterwochen führten wieder nach Österreich. Man reiste mit 186 Koffern, unzähligen Hutschachteln und sonstigen Utensilien, insgesamt 266 Gepäckstücken. Diesmal beehrte das Paar den wirklichen Adel. Vom 5. Juni bis 7. September urlaubte man auf dem Kärntner Schloss Wasserleonburg. Zum Abschluss der darauf folgenden Deutschlandreise wurde das Herzogpaar von Hitler auf dem Obersalzberg empfangen.

Seither spekuliert man über das Ausmaß der NS-Kollaboration des Exkönigs. Die Geschichte von den 17 Nelken oder Rosen, die Ribbentrop Wallis geschickt habe, eine für jedes Mal, an dem sie miteinander geschlafen hätten, ist mit ziemlicher Sicherheit eine Fake-Nachricht der amerikanischen Geheimdienste. Dass Edward einem Journalisten sagte, „es wäre eine Tragödie für die Welt, wenn Hitler gestürzt würde“, ist schon viel wahrscheinlicher. Jedenfalls war die britische Besatzungsmacht nach dem Krieg eifrig bemüht, mögliche Spuren, insbesondere die Windsor-Akten des deutschen Außenamts und andere Belege seiner nazifreundlichen Aktivitäten, aus den Archiven sorgfältig, aber letztlich doch vergeblich zu tilgen, wie Andrew Morton in seinem 2015 erschienenen Bestseller „17 Carnations“ überzeugend nachweisen konnte. Eines ist sicher: die Macht der großen Liebe. Die Windsors wurden das Jetset-Paar der ersten Nachkriegsjahrzehnte. Wie die Geschichte ohne diese Liebe anders verlaufen wäre, kann die Historie nicht beantworten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2017)

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